Die elementare Bedeutung frühzeitiger Vorsorge und rechtzeitiger Notfallbehandlung

Folgen von fehlenden Vorsorgeuntersuchungen oder zu spätem Aufsuchen medizinischer Abklärung werden deutlich – Prof. Dr. Karl-Heinz Dietl: „Sehen Stadien von Krebserkrankungen, von denen wir dachten, dass es sie nicht mehr gibt“

Jährlich erkranken rund 60.000 Deutsche an Darmkrebs. Damit ist Darmkrebs die zweithäufigste Krebserkrankung. Diese hohe Zahl könnte mit geringem Aufwand deutlich reduziert werden – doch die Corona-Pandemie hat für eine drastische Verschlechterung bei der Behandlung von Krebserkrankungen geführt, so Prof. Dr. Karl-Heinz Dietl, Chefarzt der Kliniken für Allgemein- und Visceralchirurgie am Klinikum Weiden und am Krankenhaus Tirschenreuth.

Herr Prof. Dr. Dietl, kann man Darmkrebs verhindern?

Prof. Dr. Karl-Heinz Dietl: Bei Darmkrebs bietet eine Vorsorgeuntersuchung eine einmalige Chance, die wir bei anderen Tumorarten nicht haben: nämlich Krebs im Vorfeld zu erkennen und zu verhindern. Natürlich ist so eine Darmspiegelung nicht angenehm, aber wenn man dadurch eine Krebserkrankung verhindern kann, ist es diese kurze Behandlung doch wert. Bei einer Koloskopie wird der gesamte Dickdarm untersucht, es werden Gewebeproben entnommen und dabei auch gleich kleinere Eingriffe durchgeführt. So können beispielsweise Darmpolypen entfernt werden, aus denen rund 90 Prozent der Darmkrebserkrankungen entstehen.

Welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie auf die Anzahl der Krebserkrankungen?

Auch bei uns hat sich gezeigt, dass immer mehr Patienten mit akuten Notfällen in fortgeschrittenen Stadien in die Notaufnahme kommen, weil sie sich aus Angst vor einer Corona-Infektion bewusst gegen eine Behandlung und Untersuchung entschieden haben. Aber wartet man bei Krebserkrankungen zu lange, zum Beispiel bis zu einem kompletten Darmverschluss beim Darmkrebs, ist die Heilungschance nur noch sehr gering – und auch ein Darmverschluss selbst kann lebensbedrohlich sein. Zur Einordnung: im Normalfall behandeln wir jährlich rund fünf Patienten mit einem akuten Darmverschluss aufgrund einer Darmkrebserkrankung – vor kurzem hatten wir an einem Tag drei solcher Patienten mit dieser Diagnose, die als Notfall operiert werden mussten.

Was bedeutet diese Entwicklung für die tägliche Arbeit am Klinikum?

Wie schon vor der Corona-Pandemie auch, wollen wir unsere Krebspatienten so früh wie möglich behandeln, um im besten Fall eine Operation zu vermeiden. Ist eine OP aber nötig, wollen wir damit eine komplette Heilung erzielen. Diese Strategie haben wir auch während der Corona-Pandemie beibehalten und dringliche Tumor-Operationen durchgeführt. Doch dafür ist es wichtig, dass Patienten frühzeitig zu uns kommen. Ein Beispiel: trotz ernstzunehmender Beschwerden kam ein Patient aus Angst vor einer Corona-Infektion ein halbes Jahr, also viel zu spät, zur Behandlung ins Klinikum. Die Folge war, dass der Krebs, der ein halbes Jahr früher vielleicht heilbar gewesen wäre, bereits gestreut hatte und die Heilungschancen damit drastisch reduziert waren. Das gilt aber nicht nur für Darmkrebs, sondern für viele andere Krebserkrankungen auch. Wir sehen derzeit Stadien, von denen wir dachten, dass es sie nicht mehr gibt – und diese Patienten können dann in den meisten Fällen nicht mehr geheilt werden.

Gibt es konkrete Zahlen, wie sich Krebserkrankungen in den vergangenen eineinhalb Jahren entwickelt haben?

Das ist statistisch schwer zu fassen, weil Patienten leider oft zu Hause bleiben und gar nicht zu uns kommen. Ich bin aber davon überzeugt, dass die „Kollateralschäden“ der Corona-Pandemie annähernd so groß oder noch größer sind als eine Corona-Erkrankung selbst. Darum kann ich nur appellieren: wenn es irgendwo zwickt oder irgendetwas anders ist als sonst – sofort zum Arzt gehen, nachschauen lassen und regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Nur so kann frühzeitig eine Diagnose gestellt werden – und die Chance auf Heilung so groß wie möglich bleiben.

Ab wann sollte man zur Vorsorge? Und welche Symptome sollte man definitiv abklären lassen?

Grundsätzlich gilt: je früher die Vorsorgeuntersuchungen erfolgen, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Aber spätestens ab dem 50. Lebensjahr sollte man regelmäßig Früherkennungs-Untersuchungen wahrnehmen, um das Risiko einer Erkrankung zu minimieren. Ist Blut im oder am Stuhl, ändern sich die Stuhlgewohnheiten oder kann man Verhärtungen im Bauchraum ertasten – das alles sind Warnsignale. Vor allem Risikogruppen, also Personen, bei denen bei nahen Verwandten Darmpolypen entfernt oder Darmkrebs in der Familie diagnostiziert wurde, sollten dann schnellstens eine Koloskopie durchführen lassen. Erster Ansprechpartner bei der Vorsorge ist der Hausarzt, bei akuten Beschwerden sollte der Weg aber sofort in die Notaufnahme führen.

Welchen Beitrag kann das Darmkrebszentrum am Klinikum Weiden leisten und warum ist das so wichtig für die nördliche Oberpfalz?

Wir gehören zu den größten der rund 290 Darmkrebszentren in Deutschland und haben am Klinikum Weiden herausragende Möglichkeiten, was die Therapie und Behandlung betrifft. Im integrierten OP-Saal und mit unserem OP-Robotik-System da Vinci können wir Operationen mit einem bestmöglichen Ergebnis durchführen und dabei alle Krebsarten operieren: Speiseröhre, Leber, Magen, Bauchspeicheldrüse, Lunge oder eben auch im Darm. Und das sind nur einige Krebsarten – auch bei der Behandlung von Prostata- oder Brustkrebs sind wir in unserem Klinikverbund bestens aufgestellt und können unseren Patientinnen und Patienten die bestmögliche Behandlung anbieten.